Wenn der Monat zweistellig wird und die Tage kürzer werden, ist uns allen klar: Der Winter bahnt sich langsam an. Die kälteren Monate bedeuten für viele Pferdehalterinnen und Pferdehalter auch, dass man sich mit dem leidigen Thema des Eindeckens beschäftigen darf. Doch das ist manchmal gar nicht so einfach, denn wann friert ein Pferd überhaupt? Um Frust im Stall zu vermeiden, hilft ein Blick auf die faszinierende Biologie des Pferdes, die sich stark von unserer unterscheidet.
Der Pferdekörper ist ein Meister der Klimaanpassung. Durch die sogenannte Piloerektion stellen Muskeln an den Haarwurzeln das Fell auf, wodurch ein isolierendes Luftpolster entsteht und Wärme nahe am Körper behalten wird. Ergänzend schützt eine fettige Talgschicht die Unterwolle vor Nässe, da Wasser einfach abperlt. Auch der Hormonhaushalt ändert sich: Gesteuert durch das Hormon Thyroxin fährt der Stoffwechsel im Winter hoch, um innere Wärme zu generieren. So hält sich ein gesundes Pferd ganz natürlich warm.
Obschon Pferde ihre Temperatur natürlich gut regulieren können, ist die Pferdehaltung heutzutage nicht mehr unbedingt natürlich. In der modernen Haltung fordert der Sport oft Kompromisse, da ein dichtes, nasses Winterfell nach dem Training nur langsam trocknet und das Immunsystem belasten kann. Viele Halterinnen bremsen das Fellwachstum daher durch frühzeitiges Eindecken oder scheren das Pferd direkt. Auch alte, chronisch kranke oder sehr dünne Tiere profitieren enorm von einer Decke, wenn ihr Körper nicht mehr in der Lage ist, die Temperatur allein zu regulieren. Ebenso können komplett gesunde Pferde bei extremen Wetterlagen mit nass-kaltem Wind zusätzlichen Schutz gebrauchen.

Um zu wissen, wann Ihr Pferd eine Decke brauchen könnte, muss man zuerst wissen, welche Wohlfühl-Temperaturen, auch thermoneutrale Zone genannt, ein Pferd überhaupt hat. Denn diese ist nicht vergleichbar mit der von uns Menschen: Während der menschliche Wohlfühlbereich erst bei über 25 °C beginnt, liegt die thermoneutrale Zone eines Pferdes circa zwischen +5 °C und +25 °C, abhängig von vielen Faktoren können auch noch tiefere Temperaturen toleriert werden. Unser eigenes Kälteempfinden ist daher ein trügerischer Ratgeber.
Sobald eine Decke aufliegt, wird das Fell plattgedrückt und die natürliche Isolationsfähigkeit geht verloren. Das Pferd ist ab diesem Moment zu einhundert Prozent von der Decke abhängig. Eine zu dünne Decke bewirkt dann das Gegenteil, da die Kälte direkt auf die Haut übertragen wird und das Pferd die Haare nicht mehr aufrichten kann. Geschorene Pferde verlieren diese Fähigkeit ebenfalls komplett und müssen immer mit einer ausreichend dicken Decke kompensiert werden. Ob mit oder ohne Decke, Voraussetzung für eine funktionierende Thermoregulation ist zudem immer eine optimale Haltung mit Zugang zu frischem Wasser sowie ausreichend energie- und ballaststoffreichem Raufutter, da die Verdauung von Heu wie eine innere Heizung wirkt.
Um den Wärmezustand im Stall zuverlässig zu prüfen und Frust zu vermeiden, ist die nackte Hand Ihr bestes Werkzeug:
Der Widerrist- und Schulter-Check: Schieben Sie Ihre Hand unter die Decke bis kurz hinter das Schulterblatt beziehungsweise den Widerrist. Dies ist die wichtigste Kernzone. Fühlt es sich hier angenehm warm und trocken an, hat die Decke die perfekte Stärke. Fühlt es sich hingegen heiss, klamm oder feucht an, leidet das Pferd unter Hitzestau und schwitzt. Ist die Haut kühl oder kalt, reicht die Isolation nicht aus.
Ellenbogen-Check: Die Hautfalte direkt hinter dem Ellenbogen des Pferdes ist ein hervorragender Indikator für die tatsächliche Körperkerntemperatur. Da dieser Bereich sehr nah am Rumpf liegt, sollte er sich immer warm anfühlen. Ist er kühl, friert das Pferd im Kern.
Die Ohren: Fühlen Sie an der Basis der Ohren, also dort, wo das Ohr am Kopf ansetzt. Kalte Ohrenspitzen sind im Winter völlig normal, da das Pferd die Durchblutung der Extremitäten drosselt, um die inneren Organe zu schützen. Ist jedoch die gesamte Ohrenbasis kalt, ist das ein gutes Signal dafür, dass das Pferd friert.
Aber auch das Verhalten Ihres Pferdes gibt Ihnen Aufschluss über das Wohlbefinden:
Kälte-Indikatoren: Ein deutliches, aber bereits akutes Warnsignal ist Muskelzittern, da der Körper damit aktiv Wärme erzeugt. Achten Sie auch auf die Körperhaltung: Ein frierendes Pferd steht oft mit hochgezogenem Bauch, leicht gekrümmtem Rücken und tief eingezogenem Schweif. Zudem wirken die Tiere in der Bewegung oft unwillig oder steif in der Hinterhand.
Hitze-Indikatoren: Steht ein Pferd unter einer zu schweren Decke unter Hitzestress, erkennen Sie dies oft an einer deutlich erhöhten Atemfrequenz im Ruhezustand, da Pferde sich stark über die Atemwege abkühlen. Typisch sind auch Unruhe, vermehrtes Scheuern an Stallwänden, Beissen nach der Decke oder auffällig häufiges Wälzen, um den juckenden Hitzestau loszuwerden. Einige Pferde stellen bei Überhitzung sogar temporär das Heufressen ein.

Es sind viele weitere kleine “Tests” im Umlauf, die Pferdehalterinnen und -halter verwenden, um den Wärmezustand des Pferdes zu erkennen. Jedoch eignet sich nicht jeder gleich gut dafür. Eine kühle Kruppe beispielsweise zeigt bei ungeschorenen Pferden meist nur, dass das Fell perfekt isoliert und keine Wärme nach aussen verliert. Bei geschorenen Pferden deutet eine eiskalte Kruppe dagegen auf Zugluft oder Passformprobleme der Decke hin, wodurch die Muskeln verkrampfen und im schlimmsten Fall ein Kreuzverschlag droht. Statt in diesem Fall einfach eine noch dickere Decke zu wählen, die Brust und Schulter überhitzen würde, hilft eine ergonomisch besser geschnittene Decke mit gutem Schweiflatz, Beinschnüren oder einem schützenden Halsteil.
Mit dem richtigen Blick für diese biologischen Signale schenken Sie Ihrem Pferd genau den Schutz, den es in der Praxis wirklich braucht. So verliert das Thema Eindecken seinen Schrecken und Sie kommen beide gesund, entspannt und optimal geschützt durch den Winter.
